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Gute Literatur, schlechte Literatur

Tuesday 18 October 2016

Vor kurzem hatte ich ein interessantes Gespräch am Frühstückstisch eines Hotels. Außer mir saßen noch andere IB-Deutschlehrer am Tisch und das Thema fiel plötzlich auf die Auswahl von Büchern für den Deutschunterricht. Die IB-Autorenliste ist ja lang... Nach einer Weile des Ideenaustauschs sagte einer der Lehrer, dass er mit seinen Schülern den Roman "Tschick" von Wolfgang Herrndorf gelesen hätte. Mal was anderes, so die generelle Meinung am Tisch, zumindest im IB. Als Abiturlektüre steht der Roman in einigen Bundesländern ja durchaus auf dem Programm. Doch einer der Lehrer reagierte zu meiner Überraschung empört: "So was wird in MEINEM Unterricht nicht gelesen! Das ist doch keine Literatur", ereiferte sich der Betreffende. Die Aussage wurde von allen mit einem freundlichen Lächeln zur Kenntnis genommen. Themenwechsel.

KEINE Literatur, diese Aussage ging mir durch den Kopf, denn sie basiert offenbar auf dem Konzept von "guter" und "schlechter" Literatur. Ist "Tschick" also schlechte Literatur, die man seinen Schülern ersparen sollte? Ich denke nein, aber darüber kann man sicherlich geteilter Meinung sein. So hat mir neulich ein Kollege erzählt, dass ihm die Lektüre von "Tschick" eine Gruppe aufgebrachter Eltern beschert hat, die nicht nur die Handlung, sondern insbesondere das sprachliche Niveau des Romans als absolut unangemessen für den Deutschunterricht befanden. Nun, Herrndorf ist nicht zimperlich. Das Wort "pissen" kann man auf der ersten Seite bereits drei Mal lesen... Doch kann man daraus ableiten, dass es sich um "keine" bzw. "schlechte" Literatur handelt?

Ich finde, man sollte einmal anders herum fragen. Was macht denn eigentlich so genannte "gute" Literatur aus? Denn sicherlich gibt es Maßstäbe, an denen das zu messen ist. Selbst wenn nicht alle Leser, ob nun Schüler, Lehrer oder Eltern, denselben Geschmack haben. Nicht jedem muss alles gefallen. Doch ein Werk aufgrund von Handlung und Verwendung bestimmter Wörter sofort als "Nicht-Literatur" abzustempeln, ist problematisch.

Was also macht gute Literatur aus? Ich möchte mich an dieser Stelle auf Wolfgang Herles berufen. Einige erinnern sich vielleicht noch an seine Literatursendung "Das blaue Sofa". In einer seiner Sendungen ging Herles der Frage "Was ist ein gutes Buch?" nach. Er kam zu dem Ergebnis, dass ein gutes Buch die folgenden Kriterien erfüllt.

- Ich habe mehr verstanden vom Leben.

- Ich habe auf Probe gelebt.

- Ich habe Wahrheit erfahren.

- Ich als Leser habe mich verändert.

- Die Geschichte ist stimmig, "wahr" und nicht überdramatisiert.

Ich denke, dass Herles hier wesentliche Definitionskriterien von guter Literatur anspricht. Wir sollten uns also bei der Auswahl von Büchern für unseren Deutschunterricht von diesen Maßstäben leiten lassen. Sie können auf Werke des 21. Jahrhunderts ebenso zutreffen wie auf die bekannten Klassiker der deutschen Literatur. Für mich treffen sie letztlich auch auf "Tschick" zu.   



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