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It's all storytelling...

Monday 7 January 2019

"It's all storytelling, you know. That's what journalism is all about" - dieses Zitat des amerikanischen Journalisten Tom Brokaw kam mir in den Sinn, als kurz vor Weihnachten der Spiegel-Skandal rund um den Journalisten Claas Relotius und dessen erfundenen Reportagen öffentlich wurde. Eine gute "Story", das ist es, was sich im Journalismus verkauft, denn welcher Leser will schon einfach nur schnöde Fakten lesen. Atmosphäre und das Einfangen von Stimmung spielen im journalistischen Genre der Reportage eine wichtige Rolle, natürlich unter der Vorgabe, dass das Erzählte nicht nur inhaltlich und sprachlich harmonisch und stimmig ist, sondern eben auch stimmt. Die Reportage erhebt den Anspruch, nach bestem Wissen und Gewissen über die Welt zu berichten. Wenngleich auch der Anspruch, dass die "Story" wahr sein müsse, sicherlich nur bedingt zu erfüllen ist: Durch die Wahl einer bestimmten Perspektive und durch persönliche Bewertung und Schwerpunktsetzung erzählt der Autor immer nur eine Wahrheit und nicht die Wahrheit. Das wissen die meisten Leser in der Regel.

In der "ZEIT" schreibt Thomas Assheuer am 26. Dezember: "Schon seit längerer Zeit beobachten Kulturwissenschaftler einen Funktionswandel journalistischer Texte. Journalisten versuchen, die Realität nicht mehr bloß zu beschreiben, sondern sie zu erzählen – und zwar so, dass der Text eine geschlossene Welt entstehen lässt, in die der Leser eintauchen kann, die ihn abholt und umfängt. Das Fachwort heißt "Atmosphäre", und es hat auch in der Werbung Karriere gemacht. Jede Ware muss eine Atmosphäre verbreiten und eine lebendige Geschichte erzählen." Das ist Relotius zweifelsohne gelungen. Eine Bekannte, die im Büro der Brüsseler Redaktion des Spiegels arbeitet, sagte mir nachdem die gefälschten Texte als solche entlarvt wurden: "Was für eine Täuschung – und Enttäuschung. Das Interview mit Traute Lafrenz, der letzten Überlebenden der Weißen Rose, war ein Text, der mir wirklich ans Herz ging. Auch andere Relotius-Artikel sind mir regelmäßig im Gedächtnis geblieben..." Relotius' Geschichten bleiben haften, sie berühren den Leser und gleichzeitig erfüllen sie mit ihren Klischees und Stereotypen bestimmte Erwartungshaltungen. Der bekannteste Fall, die falsche Reportage über das amerikanische Städtchen "Fergus Falls" zeigt dies besonders gut, denn so wie Relotius die Menschen dort beschreibt, stellen sich nicht wenige deutsche Spiegel-Leser in der Tat die amerikanische Provinz vor: hinterwäldlerisch, fremdenfeindlich und alles Trump-Wähler.

Wo genau verläuft nun die Grenze zwischen einer guten "Story", einer journalistischen Reportage, und reiner Fiktion? Nun, als erstes müssen in einer Reportage die Charaktere echt sein. Personen- und auch Ortsbeschreibungen müssen stimmen. Dieses Kriterium hat Relotius in seiner Reportage über Fergus Falls, und auch in anderen Texten, komplett ausgehebelt. Den City-Administrator Andrew Bremseth gibt es zwar wirklich, aber außer seinem Alter, seinem Namen und der Tatsache, dass er in Fergus Falls aufgewachsen ist, stimmt nichts von dem, was Relotius schreibt. Am Anfang der Reportage beschreibt Relotius einen "dunklen Wald, der aussieht, als würden Drachen darin hausen" - doch in Wahrheit gibt es in Fergus Falls weit und breit keinen Wald. Die Liste des Erfundenen liesse sich fortsetzen, man kann getrost von "Fake News" par excellence sprechen.

Nun ist es nicht mein Anliegen mit diesem Blog die Causa Relotius aufzuarbeiten, das ist die Aufgabe der Spiegel-Redaktion in Hamburg. Allerdings finde ich den Fall spannend und lehrreich und vor allem interessant für den Language & Literature - Kurs. Schon länger wollte ich eine Unterrichtseinheit zum Thema "Fake News" zusammenstellen, der Fall Relotius hat mich wieder daran erinnert. "Fake News" finden sich eben nicht nur unbedingt in den sozialen Medien wie Facebook oder Twitter, auch seriöse Medien und deren Leser sind nicht davor gefeit, wie das aktuelle Spiegel-Beispiel zeigt. Als IB-Lehrer können und sollen wir dafür sorgen, dass unsere Schüler einen kritischen Umgang mit Medien aller Art entwickeln. Eine Beschäftigung mit den Relotius-Texten bietet einen guten Einstieg in das Thema "Fake News". Auf der einen Seite haben wir die Person Claas Relotius, der es offenbar gelungen ist durch seine Persönlichkeit lange Zeit eine ganze Gruppe "kritischer" Spiegel-Kollegen zu täuschen. Auf der anderen Seite aber haben wir die Texte selbst, die im Unterricht analysiert werden können. Sollten Sie also zwei Doppelstunden jetzt nach den Ferien zur Verfügung haben, um sich diesem aktuellen Medienskandal zu widmen, möchte ich Ihnen hier einige Anregungen geben.

1) "In einer kleinen Stadt" (Original-Reportage von Claas Relotius über die Stadt Fergus Falls)
2) "In einer fantastischen Stadt" (Artikel vom 23.12.2018 von Christoph Scheuermann, Spiegel-Korrespondent)

http://www.spiegel.de/politik/ausland/fergus-falls-in-einer-fantastischen-stadt-a-1245249.html

3) "Die gefälschte Stadt" (Artikel vom 28.12.2018 von Christoph Scheuermann)

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fall-claas-relotius-versuch-einer-aufarbeitung-in-fergus-falls-a-1245694.html

4) "Der Spiegel journalist messed with the wrong small town" - (Michele Anderson and Jake Krohn, Bewohner von Fergus Falls)

https://medium.com/@micheleanderson/der-spiegel-journalist-messed-with-the-wrong-small-town-d92f3e0e01a7

Im Unterricht

Die Schüler lesen die Original-Reportage von Claas Relotius. Aufgrund der Länge der Reportage sollte dies als Hausaufgabe gegeben werden.

Im Unterricht bilden die Schüler kleine Gruppen und besprechen die folgenden Fragen:

- Wie würdet ihr das Textgenre der "Reportage" auf Grundlage des Textes "In einer kleinen Stadt" definieren?

- Gibt es typische stilistische, sprachliche und inhaltliche Merkmale für eine Reportage? Sind diese Merkmale in dem vorliegenden Text vorhanden? (Siehe unten stehenden Link)

- Welche Funktion hat der Autor einer Reportage?

- Ziemlich zu Beginn schreibt Relotius: "Ich habe einen Monat lang in Fergus Falls gewohnt. Ich zog in ein Zimmer am Stadtrand." Welche Funktion hat dieser Satz? Gibt es weitere Sätze dieser Art im Text?

- Gibt es auffällige sprachliche Bilder in dem Text? Was bewirken sie?

- Wie werden die Personen in der Reportage dargestellt?

- Wie findet ihr die Reportage? Was gefällt euch oder was gefällt euch nicht?

- Stellt euch vor, ihr müsstet die Authenzität des Textes überprüfen. Wie würdet ihr vorgehen? Welche Aspekte hätte die Spiegel-Redaktion genauer prüfen müssen?

- Douglas Becker, dessen Foto in der Reportage zu sehen ist und der von Relotius zum Kohleschaufler Neil Becker gemacht wurde, sagte dem Journalisten Christoph Scheuermann, dass er nicht verärgert sei, da er den Text als Satire gelesen hätte. Warum sagt Douglas Becker das? Gibt es satirische oder karikaturale Elemente in dem Text?

Die journalistische Reportage

https://www.ph-freiburg.de/fileadmin/dateien/zentral/schreibzentrum/typo3content/journalistische_Werkstatt/A5_Broschuere_Reportage.pdf



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