IOC Tipps

Die mündliche Interpretation eines Textausschnittes muss vor dem "großen", prüfungsrelevanten Individual Oral Commentary unbedingt und mehrere Male geübt werden. Für die Schüler sollte es zum Zeitpunkt der Prüfung nichts Neues, sondern etwas Selbstverständliches sein, über einen Text in strukturierter und relevanter (auf Stilmittel bezogene) Weise zu sprechen. Das schafft Sicherheit, die der Nervosität in der Prüfungssituation entgegenwirkt. Auch für den Lehrer sind Mock Orals wichtig, um sich mit der wichtigen Rolle als Prüfer in einer Aufnahme-Situation vertraut zu machen.

Vorgehensweise / Ablauf

  • Die Schüler erhalten einen Textauszug von maximal 40 Zeilen oder ein Gedicht. Der Textausschnitt soll dem Schüler ohne Angaben zum Autor und zum Titel des Werkes vorgelegt werden. Das Gedicht wird mit Titel, aber ohne Erscheinungsjahr vorgelegt. Die Vorbereitungszeit beträgt 20 Minuten.
  • Die Schüler sprechen nach der 20-minütigen Vorbereitungszeit genau 10 Minuten über den Text, der Lehrer unterbricht in diesen 10 Minuten grundsätzlich nicht. Er/sie darf bzw. sollte nur eingreifen bzw. sprechen, wenn ein Schüler völlig den Faden verliert.
  • Das Follow-up dauert nochmal 5 Minuten. Hier sollten auf den Textausschnitt bezogene, vertiefende Fragen gestellt werden. Eine ins Allgemeine abschweifende Diskussion des Gesamtwerkes sollte vermieden werden.
  • Der Lehrer sollte sich als Facilitator verstehen, der das Beste aus dem Schüler herausholt.
  • Die Anzahl der auszuwählenden Texte ist abhängig von der Klassengröße und wurde vom IB genau festgelegt (siehe Language A-Guide).
  • Zu jedem Text gehören zwei Guiding Questions, die einen Einstieg in die Interpretation des Textauszugs erleichtern sollen. Diese Fragen sind offen und dürfen den Schüler nicht zu sehr eingrenzen. Beispiele finden sich ebenfalls im Language A-Guide. Diese Fragen sind lediglich als Hilfestellung für den Schüler gedacht. Falls der Schüler einen anderen Schwerpunkt setzt, ist das auch in Ordnung.

Aufbau / Struktur

Als Interpretationsgerüst bieten sich die folgenden sechs Aspekte an, die Schüler zum Zeitpunkt des Examens verinnerlicht haben sollten.

1. Thema / Kontext / Genre

Worum geht es in dem Textausschnitt? Wie positioniert sich dieser im Kontext des Gesamtwerkes? Was für ein Genre liegt vor?

2. Figuren

Welche literarischen Figuren spielen in dem Textausschnitt eine Rolle? Was sagen sie? Was wird über sie gesagt? (Perspektive)

3. Sprachliche Elemente

Gibt es Auffälliges in der Wortwahl oder im Satzbau? Welche Atmosphäre wird auf diese Weise erzeugt?

4. Stilistische Mittel

Welches sind die tragenden Stilmittel in dem Ausschnitt? Inwiefern dienen sie zur Verstärkung der Aussage?

5. Aussage / Intention

Welche Aussage wird überhaupt getroffen? Welche Absicht verfolgt der/die Autor/in mit der von ihm/ihr gewählten Darstellung in dem Textausschnitt?

6. Leitidee

Welche Gesamtaussage will ich (der Schüler als Interpretierender) über diesen Textausschnitt treffen? Das muss während des Kommentars und dann zugespitzt in der Konklusion deutlich werden.

Zu vermeiden

Aus Erfahrung leidet die Qualität vieler Kommentare vor allem unter den folgenden drei Schwächen:

- Stilmittel werden gar nicht berücksichtigt oder nur genannt, ohne sie wirklich zu erklären. Zu den wichtigsten Stilmitteln, die in quasi jedem Text gegeben sind, zählen vor allem Perspektive, Struktur, Wortwahl, Ton und Bildsprache (für Roman und Drama). In der Lyrik kommen noch gedichtspezifische Stilmittel hinzu.

- Eine Leitidee bzw. Leitideen als Herzstück der Interpretation wird/werden nicht entwickelt.

- Der Schüler folgt nicht dem TVE-Prinzip, das sich hervorragend für den IOC anbietet.

Aus dem Subject Report 2017

Auswahl und Eignung der eingereichten Arbeiten

Die meisten Texte, die unterrichtet wurden, eigneten sich sehr gut für die Detailanalyse. Viele Lehrer/Lehrerinnen bevorzugten Texte aus dem 20. Jahrhundert und Werke wie Schlinks Der Vorleser, Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame und Frischs Homo Faber wurden sehr häufig geprüft, aber auch Klassiker wie Goethes Faust und Lessings Nathan der Weise und Emilia Galotti. Zudem wurden relativ viele Gedichte behandelt.

Die Lehrer/Lehrerinnen wählten sehr gute Textausschnitte aus, die eine umfassende Analyse ermöglichten. In wenigen Fällen wurden zu lange Textausschnitte geprüft – bei langen Ausschnitten ist eine Detailanalyse kaum möglich und es ist sehr wichtig, dass die Texte nicht (viel) länger als 40 Zeilen sind. Zum Teil haben Lehrer/Lehrerinnen Textausschnitte abgetippt und dadurch die Länge der Zeilen wesentlich verlängert – es wird empfohlen, dass Textausschnitte kopiert werden. Auch sollten weder Autoren noch Titel genannt werden, nur bei Gedichten darf der Titel angegeben werden.

Zum Teil bestand der Prüfungstext aus mehreren Gedichten oder verschiedenen Passagen. In einem Extremfall war der Prüfungstext eine Sammlung von Zitaten. Der Prüfungstext muss aus einer Textpassage bzw. einem Gedicht bestehen und darf auch keine Auslassungen und Veränderungen beinhalten.

Bei einigen Textausschnitten fehlten Zeilenangaben. Zeilenangaben helfen sowohl den Geprüften als auch den Prüfenden (und auch den Moderatoren) und sollten immer gemacht werden.

Viele der gegebenen Leitfragen waren gut formuliert und fokussiert. Zum Teil waren die Leitfragen zu allgemein oder beinhalteten sogar einen Teil der Analyse. Relativ häufig kam vor, dass nicht Leitfragen gegeben wurden, sondern Arbeitsaufträge. Lehrer/Lehrerinnen sollten darauf achten, dass sie zwei präzise Fragen formulieren (eine zum Inhalt des Ausschnitts und eine zu den literarischen Mitteln), die sich auf den Textausschnitt beziehen.

Bei der Länge der Kommentare gab es zum Teil große Unterschiede. Einige Kandidaten/Kandidatinnen sprachen ununterbrochen fast 15 Minuten und es blieb nur wenig Zeit für Fragen übrig. Die Kandidaten/Kandidatinnen sollten ungefähr 10 Minuten sprechen und während 5 Minuten Fragen beantworten. Zum Teil waren Prüfungen wesentlich kürzer als die vorgegebenen 15 Minuten. Das lag nicht nur daran, dass die Schülerkommentare zu kurz waren, sondern auch daran, dass die Lehrer/Lehrerinnen die restliche Zeit nicht für weitere Fragen nutzten. Die Diskussion kann durchaus zu mehr Analyse (und dadurch mehr Punkten) führen, und es ist unklar, warum manche Lehrer/Lehrerinnen die Zeit nicht nutzen, um präzise Fragen zum Ausschnitt zu stellen und so die Punktzahl der Schüler eventuell zu erhöhen.

Empfehlungen für das Unterrichten zukünftiger Kandidat/innen

Einige Empfehlungen sind oben bereits ausgeführt worden, aber hier sind noch ein paar zusätzliche Empfehlungen:

• Beim Literaturunterricht sollten sich die Lehrer/Lehrerinnen sowohl auf den Inhalt als auch auf literarische Mittel konzentrieren. Die Kandidaten/Kandidatinnen sollten während des Kurses vermehrt üben, den Gebrauch von literarischen Mitteln in einem gewissen Kontext zu analysieren. Dabei ist auch wichtig, dass die Wirkung von literarischen Mitteln Gegenstand des Unterrichts ist. Den Kandidaten/Kandidatinnen sollte bewusst werden, dass literarische Mittel vom Autor/von der Autorin bewusst eingesetzt werden, um beim Leser/bei der Leserin eine gewisse Wirkung zu erreichen.

• Als Vorbereitung sollten die Kandidaten/Kandidatinnen üben, ca. 10 Minuten über einen Textausschnitt zu sprechen. Es kann auch sinnvoll sein, ein paar solche Übungskommentare aufzunehmen und sie von den Kandidaten/Kandidatinnen selber bewerten zu lassen, damit die Kandidaten/Kandidatinnen besser verstehen, worauf es bei dieser Prüfung ankommt.

• Vor allem schwächere Kandidaten/Kandidatinnen sollten mehr Hilfe in Bezug auf die Strukturierung bekommen. Während der Prüfungsvorbereitung sollten verschiedene Strukturierungsmöglichkeiten besprochen und evaluiert werden.

• Die Lehrer/Lehrerinnen sollten die Werke sorgfältig auswählen und genügend Zeit aufwenden, sie in Tiefe zu unterrichten. In einigen wenigen Fällen war der geprüfte Text schlicht zu schwer für den Prüfling.

• Für die Prüfung sollten angemessene Textstellen von ca. 40 Zeilen gebraucht werden und alle Textstellen sollten Zeilenangaben vorweisen. Die zwei Leitfragen sollten präzise und fokussiert formuliert werden. Bitte nicht die gleichen (sehr generellen) Leitfragen für alle Prüfungstexte gebrauchen! Es wird empfohlen, dass Textpassagen kopiert werden. Falls sie dennoch getippt werden, müssen die Lehrer/Lehrerinnen sie sorgfältig auf Tippfehler überprüfen und die Zeilen dürfen nicht verlängert werden. Während der Diskussion sollten Unklarheiten geklärt werden und, wenn angemessen, präzise Fragen zu den literarischen Mitteln und ihren Wirkungen gestellt werden. Der Prüfende sollte versuchen, die Zeit optimal zu nutzen (idealerweise 10 Minuten Kommentar, 5 Minuten Diskussion).

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