Lernziele Part 3

Literatur entsteht nicht im Vakuum: Aktuelle Literaturtheorien, so unterschiedlich sie in ihrem Ansatz sind, deuten Literatur fast immer als ein gesellschaftlich bedingtes und rezipiertes Produkt. Die Wende von der werkimmanenten Interpretation, in der das Kunstwerk auf sich selbst und seine formalen Merkmale reduziert wird, hin zu einem sozialgeschichtlich ausgerichteten Verständnis von Literatur, hat die Literaturwissenschaft seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts geprägt. Dieses Verständnis spiegelt sich klar in den Lernzielen wieder, die das IB für Part 3 des Language & Literature - Kurses definiert hat. Diese Lernziele werden im Language A: language and literature guide folgendermaßen formuliert:

1. Gesellschaftlicher und historischer Kontext von Literatur

Die Entstehungsbedingungen eines literarischen Werkes sind bedeutsam für dessen Interpretation. Schülern sollte vermittelt werden, dass Literatur, wenn auch fiktiv, innerhalb eines bestimmten gesellschaftlichen und/oder zeitlichen Rahmens entstanden ist und im Rahmen dieses Kontexts gesehen werden muss. Um die Absicht des Autors verstehen oder zumindest würdigen zu können, muss der jeweilige Kontext im Unterricht erarbeitet und zur Diskussion gestellt werden.

Schüler sollen verstehen, dass die Produktionsbedingungen eines Textes je nach Epoche und Kultur variieren und auf den Text als solches Einfluss nehmen. Der Autor trifft Entscheidungen inhaltlicher und stilistischer Art aufgrund bestimmter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Er schreibt zudem für ein bestimmtes Publikum, dessen Erfahrungswelt sich von der des heutigen Lesers oder auch (bei nicht-europäischer Literatur) eines europäischen Lesers unterscheidet. Den Schülern ein Bewusstsein für dieses Spannungsfeld, in dem Text, Kontext und Leser zueinander stehen, zu vermitteln, ist Aufgabe von Part 3. In diesem Sinne sollte die Auswahl der Werke in Bezug auf Kultur und Epoche möglichst breit angelegt sein.

2. Form, Struktur und Stil eines Werkes werden vom Entstehungskontext beeinflusst

Ein Text aus dem 19. Jahrhundert, sei es Roman oder Drama, ist sprachlich und formal anders gestaltet als ein Werk des 21. Jahrhunderts. Diese Unterschiede sind oft aus den jeweils herrschenden literarischen und gesellschaftlichen Strömungen einer Epoche erklärbar. In gewisser Weise müssen Schüler sich in die Situation des Autors versetzen und verstehen, welchen gesellschaftlichen Einflüssen dieser in seinem Schreiben unterlag. Der Vergleich zweier Werke desselben Genres macht es eventuell leichter, dieses Lernziel zu erreichen. Doch letztlich kann dieser Aspekt auch anhand unterschiedlicher Genres erarbeitet werden. Die Texte in Part 3 müssen keinesfalls demselben Genre angehören.

Ein Roman aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert wird andere strukturelle, sprachliche und stilistische Merkmale aufweisen als ein Roman des 21. Jahrhunderts. Die postmodernen Werke eines Daniel Kehlmann folgen anderen Prinzipien als zum Beispiel die Werke Fontanes. Ebenso werden Werke, die komplett unterschiedlichen Kulturkreisen entstammen (z.B. asiatische Literatur im Vergleich zu deutscher Literatur) verschiedene Darstellungsformen aufweisen. Schüler sollten sich in die Lage des Autors versetzen und sich fragen, inwiefern zeitliche und kulturelle Gebundenheit zu bestimmten Entscheidungen bezüglich Form, Struktur und Stil führt.

3. Gesellschaftliche Werte und Normen in einem literarischen Text

Die Werte und Normen, die einem literarischen Text zu Grunde liegen, speziell wenn er vor langer Zeit geschrieben wurde, unterscheiden sich oft stark von denen eines heutigen Lesers. Somit wird es bei der Lektüre immer auch zu Spannungen kommen, als dass ein Schüler bzw. Leser Schwierigkeiten hat, sich in das im Text dargestellte Wertesystem einzufinden. Die Fähigkeit zur Empathie muss erst entwicklet werden. Schüler reagieren oft mit Abwehr auf einen Text, dessen Werte ihnen fremd oder gar bedrohlich erscheinen. In Part 3 sollen Schüler an diesen "fremden Welten", in die die Literatur uns führt, wachsen und lernen, andere Wertesysteme nachzuvollziehen.

Die Fähigkeit, sich für andere Weltsichten zu öffnen, also die Entwicklung von Empathie, ist ein generell wichtiges Lernziel im Literaturunterricht. Zunächst eigene Werte klar zu definieren, kann helfen, sich denen durch den Text vermittelten, anzunähern. Ebenfalls sollten sich Schüler ihrer eigenen Rolle als Leser bewusst werden. Dieses Bewusstsein sollte durch eine Auseinandersetzung mit den Methoden der Textanalyse geschärft werden. Ein Text kann auf unterschiedliche Art und Weise vom Leser entschlüsselt werden. Ohne dass im Rahmen eines IB-Kurses eine volle Kenntnis textinterpretatorischer Verfahren erwartet wird, sollten Schüler dennoch mit einigen grundlegenden Methoden des Verstehens vertraut gemacht werden

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