IOC (SL) Sansibar oder der letzte Grund

Ein Roman von Alfred Andersch (1957):

Im Herbst 1937 kommen der kommunistische Funktionär Gregor mit einem Auftrag zu illegaler politischer Arbeit und die Jüdin Judith, die aufgrund der Nürnberger Rassengesetze auf der Flucht ist, in die kleine Ostsee-Hafenstadt Rerik. In diesem Ort verbindet sich ihr Schicksal mit dem des Fischers Knudsen und dessen Schiffsjungen sowie dem Schicksal des Pfarrers Helander. Der Geistliche möchte die von den Nationalsozialisten als „entartete Kunst“ kategorisierte und daher bedrohte Holzskulptur „Lesender Klosterschüler“ retten und Knudsen soll die Figur nach Schweden bringen.Gregor, Knudsen und der Junge bewerkstelligen die Rettung Judiths und der Holzskulptur nach Schweden, nehmen jedoch selbst die Gelegenheit zur Flucht nicht wahr, sondern kehren nach Deutschland zurück, einem ungewissen Schicksal entgegen. Der todkranke Helander widersetzt sich der Verhaftung und führt seine Erschießung willentlich herbei.

Textauszug

Eine Jüdin, dachte Gregor, das ist ja eine Jüdin. Was will die hier in Rerik? Er sah Judith unter den Menschen stehen, die zusahen, wie der schwedische Dampfer anlegte. Niemand blickte auf Judith, das war nicht üblich in den kleinen Häfen des Nordens, aber Gregor konnte sehen, daß sie nicht zu den Leuten gehörte; niemand sprach mit ihr, sie war eine Fremde, eine junge Fremde mit einem in Rerik ungewohnten Gesicht. Gregor erkannte das Gesicht sofort; es war eines der jungen jüdischen Gesichter, wie er sie im Jugendverband in Berlin, in Moskau oft gesehen hatte. Dieses hier war ein besonders schönes Exemplar eines solchen Gesichts. Und außerdem war es auf undefinierbare Weise von den Gesichtern, an die es Gregor erinnerte, verschieden.

Dunkelheit war hereingebrochen, besonders das Meer war völlig dunkel, es war nicht mehr blau und eisig, nur im Westen stand noch ein gelber Schein, und auf dem Hafenkai waren die großen elektrischen Scheinwerferlampen angezündet, die an Drähten hingen. Wenn Gregor auf das Meer hinausblickte, konnte er draußen das regelmäßige Blinken eines Leuchtturms sehen. Das Heck des Dampfers schob sich nun langsam an den Kai heran; 'Kristina - Kalmar' las Gregor. Die Lampen überfluteten den Kai und das Schiff mit einem kalkigen Licht. Manchmal schwankten sie an ihren Drähten, denn die Luft war nicht mehr so ruhig wie am Nachmittag, harte kleine Windstöße fuhren aus den Hafenstraßen heraus über den Platz, und in den Böen sah Gregor das schwarze Haar des Mädchens, wie es in Strähnen und Schleiern über ihr Gesicht flatterte.

Es war überhaupt Bewegung in den Hafen gekommen. Knudsen, auf dem Deck der 'Pauline' stehend, sah mit Mißfallen, daß die ersten Kutter vom Fang zurückkamen; rasselnd liefen sie ein, zwei,drei, vier schwarze kleine Boote, die bereits ihre Topplanternen angezündet hatten, Krögers 'Rerik 63' war darunter, und Knudsen wurde nervös, denn er wußte, daß Kröger, wenn er festgemacht hatte, auf ihn zukommen und ihn ausfragen würde, warum er erst jetzt ausfahre. Mach zu, sagte er zu dem Jungen, der dabei war, die Taue des Besanschots festzuzurren, es wird Zeit, daß wir wegkommen; er selbst zog das Großschot stramm, denn er wusste, daß die Nocks in den harten Böen sofort beginnen würden, hin und her zu schlagen, wenn man die Taue nicht festmachte. Nichts gefiel Knudsen heute, er stellte fest, daß die Zeit, die er sich für die Abfahrt gesetzt hatte, schon um eine halbe Stunde überschritten war, es war halb sechs, immer mehr Leute kamen aus den Häusern und Straßen heraus auf den Kaiplatz, um bei der Rückkehr der Fischerflotte dabei zu sein.

Guiding Questions

1. Inwieweit wird die Struktur des Textes eingesetzt, um Spannung zu erzeugen?

2. In welchem seelischen Zustand wird hier Knudsen sprachlich präsentiert?

Internal Oral Commentary

Textauszug IOC Sansibar SL
Bewertung IOC Sansibar SL
Kriterium A - Knowledge and understanding of the text or extract - 10 Punkte

10/10 P.

Die Schülerin demonstriert exzellentes Textverständnis. Eine bemerkenswerte Leistung.

Kriterium B - Understanding of the use and effects of literary features - 10 Punkte

9/10 P.

Die Schülerin analysiert sehr gelungen die Sprache des Textausschnittes. Auch auf andere Stilmittel (Wiederholung, rhetorische Frage, Erzählperspektive etc.) geht sie detailliert ein und verbindet diese formalen Aspekte mit der Aussage des Textes. Die Ausführungen zur erlebten Rede (im Follow-up mit dem Lehrer) stellen den einzigen kleinen Schwachpunkt dar, da sie dort nicht völlig auf den Punkt kommt.

Kriterium C - Organization - 5 Punkte

5/5 P.

Hervorragend strukturiert.

Kriterium D - Language - 5 Punkte

5/5 P.

Sprachlich ebenfalls auf sehr hohem Niveau. Die Schülerin spricht flüssig und ohne nennenswerte Fehler.

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