P2 HL (Verrat)

Anhand der im Unterricht gelesenen Werke (Part 3) sollten Schüler sich mit der folgenden Frage auseinandersetzen: Analysieren Sie die Weise, wie Autoren das Thema Verrat behandeln. Gehen Sie dabei auf mindestens zwei der von Ihnen behandelten Werke ein. Sie können auf dieser Seite ein Schülerbeispiel mit Bewertung aus der Novemberprüfung 2018 lesen. Das Beispiel zieht zur Analyse "Kabale und Liebe" von Schiller und den "Drachenläufer" von Khaled Hosseini heran. Wie auch in der Maiprüfung gab es im November sechs Fragen (die gleichen für HL und SL). Ein SL-Beispiel werde ich ebenfalls noch veröffentlichen. Die sechs Fragen lauteten:

1. Zeigen Sie anhand von mindestens zwei der von Ihnen behandelten Werke, wie Literatur Konflikte zwischen einem Individuum und seinem gesellschaftlichen Umfeld aufdeckt.

2. Wie wird der Wunsch, in eine bessere Welt fliehen zu wollen in mindestens zwei der von Ihnen behandelten Werke dargestellt?

3. Ist der kulturelle Hintergrund eines Lesers wichtig, um einen Text angemessen interpretieren zu können? Gehen Sie diesem Aspekt nach, indem Sie auf mindesten zwei der von Ihnen behandelten Werke eingehen.

4. Leser können sich trotz ihres unterschiedlichen kulturellen und sozialen Hintergrunds mit literarischen Figuren identifizieren. Diskutieren Sie, wodurch diese Identifizierung ausgelöst wird, indem Sie auf mindestens zwei der von Ihnen behandelten Werke Bezug nehmen.

5. Analysieren Sie die Weise, wie Autoren das Thema Verrat behandeln. Gehen Sie dabei auf mindestens zwei der von Ihnen behandelten Werke ein.

6. Erläutern Sie, zu welchem Zweck Ironie in mindestens zwei der von Ihnen behandelten Werke gebraucht wird.

Essay (Schülerbeispiel)

Verrat ist das Hintergehen eines anderen, doch Verrat wird erst fatal und tragisch, wenn zu dem Hintergangenen vorher eine tiefe emotionale Bindung bestand. Sowohl das 1784 uraufgeführte, von Friedrich Schiller geschriebene bürgerliche Trauerspiel „Kabale und Liebe“ aus der Epoche des Sturm und Drangs, als auch der 2008 von Khaled Hosseini veröffentlichte moderne Roman „Drachenläufer“ beschäftigen sich mit den emotionalen und moralischen Gründen für und Folgen von Verrat. Schiller beschreibt das Paar Luise und Ferdinand und wie soziale Gegebenheiten und die übermächtige Obrigkeit der Ständegesellschaft Deutschlands im 18. Jahrhundert zu Verrat führen. Hosseini hingegen legt den Fokus auf eine tiefe Freundschaft zwischen Hassan und Amir und wie diese durch Verrat zerstört wird.

Beide Autoren etablieren zu Beginn das Bild einer starken und emotionalen Beziehung zwischen den Protagonisten, was die Reaktion des Lesers auf den späteren Verrat intensiviert. In „Kabale und Liebe“ repräsentiert Ferdinand den „großen Kerl“, einen wahren Stürmer und Dränger in Wort und Tat, da für ihn Emotionen über dem Verstand stehen. Er ist euphorisch und optimistisch in seiner Beziehung zu Luise, was sich durch die Verwendung von Naturmetaphorik, die für die literarische Epoche typisch ist, zeigt. Er behauptet, dass er Probleme, die „wie Gebirge“ zwischen ihm und Luise stehen „als Treppen“ nutzen wird, um näher zu ihr zu gelangen. Ferdinand interpretiert die heilige Dreieinigkeit als „Du, Luise und ich und die Liebe“ neu. In Anbetracht, dass genau die Zerstörung der Dreieinigkeit durch den Einfluss der Obrigkeit durch Wurm und dem Präsidenten den Verrat stimuliert, scheint dies für den Leser ironisch.

Auch im „Drachenläufer“ wird eine starke emotionale Bindung in Form von Freundschaft zwischen Amir und Hassan porträtiert. Die zwei Charaktere sind zusammen aufgewachsen und verbringen ihre Tage zusammen am Granatapfelbaum. Besonders hervorzuheben ist dabei Hassans Aufopferung für Amir, zum Beispiel als er ihn mit einer Steinschleuder gegen den mit einem Schlagring bewaffneten Assef verteidigt. Dadurch entsteht für den Leser das Leitmotiv des Romans, Hassans Worte beziehungsweise sein Schwur „Für dich tausendmal“, der seine emotionale Treue zu Amir manifestiert.

In beiden Werken werden jedoch zu Beginn schon Aspekte der Vorherschau angedeutet, die eventuell zum Verrat führen. In „Kabale und Liebe“ gibt der Standesunterschied zwischen Luise, Vertreterin des Bürgertums, und Ferdinand als Teil des Adels, Luise Grund zum Zweifeln, den sie gegenüber Ferdinand äußert, indem sie sagt: „Ein Schwert zwischen dir und mir, man will uns trennen.“ Das metaphorische Schwert repräsentiert die Willkür und Macht der Obrigkeit, auf die durch das undefinierte Pronomen „man“ angespielt wird. Luises kontinuierliche Zweifel lassen den Verrat durch Luise aufgrund eines angeblichen Mangels an Liebe später realistischer für Ferdinand wirken.

Im Drachenläufer nutzt Amir den Standesunterschied zwischen ihm als angesehenen Paschtunen und seinem Diener Hassan, der als Hazara die unterste soziale Schicht in Afghanistan darstellt, um Amirs negativen Gefühlen gegenüber Hassan einen gesellschaftlichen Grund zu geben. Was auf den Leser wie eine Freundschaft wirkt, wird durch Amir als Beziehung zwischen Obrigkeit und Diener definiert, wie auch schon die Beziehung zwischen Baba und Ali. In beiden literarischen Werken werden zu Beginn funktionierende Beziehungen beschrieben, in denen es jedoch Krisenherde gibt, die zu einem potenziellen Verrat führen könnten.

Der Verrat selbst stellt in beiden Werken den Klimax des Spannungsaufbaus dar. In „Kabale und Liebe“ wirkt der Verrat besonders tragisch, da der Leser erkennen kann, wie durch die Intrige des Präsidenten die äußere Handlung auf die innere Handlung, die Liebesbeziehung, einwirkt. Schiller zeigt dadurch die stereotype Willkür und Allmacht der verhassten Obrigkeit auf, die durch ihren  Machthunger das Bürgertum zerstört. Amirs Verrat gegenüber Hassan ist schockierend, da er anfangs passiv und dann aktiv ist. Nach dem Drachenlaufen opfert sich Hassan für Amir, um den blauen Drachen für ihn zu behalten und lässt sich von Assef vergewaltigen. Amir beobachtet dies, schreitet jedoch aus Angst nicht ein und lässt Hassan dadurch sein „nang und namoos“, afghanisch für „Ehre und Stolz“ verlieren, was in der derzeitigen und heutigen afghanischen Gesellschaft von oberster Priorität ist.

Dieser Verrat ist für den Leser noch teilweise nachvollziehbar, da der Ich-Erzähler sich in Form eines Gedankenstroms eingängig mit der Moral beschäftigt und sich klar ist, dass dies seine „letzte Gelegenheit ist um zu entscheiden, was für ein Mensch er werden würde, doch „am Ende lief (er) weg.“ Amir verliert die Sympathie des Lesers aber erst völlig, als er sich aktiv dazu entscheidet Hassan seine Sachen unterzuschieben und ihn als Dieb darzustellen, wodurch Hassan aus seinem Leben und seinem Haus verschwindet. Enttäuschend ist dabei, dass Amir sich selbst einredet, dass es moralisch unproblematisches Handeln war, indem er Hassan als untergeordnet, minderwertig und „bloß ein(en) Hazara“ bezeichnet.

Auch in „Kabale und Liebe“ dient der Verrat als moralischer Konflikt, der zukünftige Entscheidungen beeinflusst. Das Drama erreicht seinen Höhepunkt, als Luise den durch Wurm diktierten Brief an von Kollo fertigstellt und einen Eid schwört, die Wahrheit zu leugnen, um ihre Eltern zu retten. Als Leser ist es wichtig zu verstehen, dass womöglich lächerliche Bedingungen wie ein Eid tatsächlich aufgrund der Moral und Werte des Bürgertums eine bindende Wirkung hatten. Während im „Drachenläufer“ Amirs bewusste Entscheidung den Verrat einleiten, wird Luise dazu gezwungen. Amir verliert die Sympathie des Lesers, doch die ausweglose Situation Luises steigert die Empathie des Lesers für sie.

Obwohl die Autoren den Verrat zu Beginn ähnlich einleiten, nutzen sie verschiedene Methoden, wie die Protagonisten damit umgehen. Beide Autoren fokussieren sich auf die Reflektion der männlichen Protagonisten nach dem Verrat. Amir ist als Schuldiger bis in sein spätes Leben von Erinnerungen und Träumen über Hassan geplagt, die ihn dazu zwingen, sich mit seiner Schuld auseinanderzusetzen, da er sich nach Vergebung sehnt. In „Kabale und Liebe“  fokussieren sich die zerstörerischen Effekte des Verrats vor allem auf dessen Opfer, Ferdinand. In Akt 4 wird dem Leser durch 3 Monologe die Möglichkeit gegeben, Innensicht in Ferdinands mentale Situation zu erhalten. Während der erste Monolog reflektierend ist, wirkt der zweite durch Nennung von Gott und Religion lyrisch. Der dritte Monolog vollendet die Meinungsänderung Ferdinands gegenüber Luise, da er sich um das Wortfeld des Todes dreht und die endgültige Katastrophe vorausahnen lässt.

In beiden Werken besteht die Möglichkeit über die Folgen des Verrats hinwegzukommen, doch nur Amir schafft es diese zu ergreifen. Amir beschließt als Wiedergutmachung Hassans Sohn, Suhrob, aus den Fängen der Taliban zu befreien. Die Rettung Suhrobs ist im Präsens geschrieben, was im Kontrast zu dem sonst reflektierenden Erzählstil steht und den Beginn eines neuen Abschnitts einleitet. In „Kabale und Liebe“ jedoch ist es beiden ehemaligen Partnern nicht möglich, mit dem Verrat abzuschließen, was schließlich zur Katastrophe führt. Luise muss in Akt 5 durch ihren Vater von Selbstmordgedanken und Depression befreit werden, da sie den moralischen Zwiespalt zwischen ihrem Eid und der Notwendigkeit, die Wahrheit zu sprechen, nicht länger aushält. Die Katastrophe hätte durch vielfältige retardierende Momente, wie zum Beispiel das Treffen zwischen von Kalb und Ferdinand, aufgehalten werden können, doch die Tragödie nimmt ihren Lauf. Obwohl der Verrat nach Ferdinands Vergiftung von Luise aufgeklärt wird, ist es wie im „Drachenläufer“ nur für den angeblichen Täter, Luise, möglich, damit abzuschließen, da Ferdinand nun die Schuld für den Mord trägt.

Die Autoren haben erfolgreich eine intensive Reaktion des Lesers erzielt, die primär durch die Enttäuschung über den Verlust des zu Anfang etablierten starken emotionalen Bandes zwischen den Betroffenen zu begründen ist. Hosseini regt durch die Wiedergutmachung durch Amir als Reaktion auf seine Schuld die Leser dazu an, über Moral und Vergebung nachzudenken. Schiller hingegen nutzt den katastrophalen Ausgang des bürgerlichen Trauerspiels, um Kritik an der Allmacht und Willkür der Obrigkeit in der damaligen Ständegesellschaft zu üben. Obwohl den Werken unterschiedliche Intentionen zu Grunde liegen, sind beide erfolgreich darin, den Leser zum Nachdenken über Verrat und dessen Gründe und moralische Auswirkungen zu stimulieren. Dazu nutzen die Autoren schwierige gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die die Entscheidungstreffung der Charaktere prägen.

Paper 2: Verrat

Bewertung P2 (Verrat)

Kriterium A - Knowledge and understanding - 5 Punkte

4/5 P.

Es wird gute Textkenntnis gezeigt, der Kontext wird ebenfalls einbezogen.

Kriterium B - Response to the question - 5 Punkte

5/5 P.

Der Essay ist sehr zielgerichtet und beantwortet die Frage nuancenreich.

Kriterium C - Understanding of the use and effects of stylistic features - 5 Punkte

4/5 P.

Es wird überzeugend auf mehrere stilistische Mittel eingegangen, die für die Fragestellung von Bedeutung sind.

Kriterium D - Organization and development - 5 Punkte

5/5 P.

Sehr schöner, klarer Aufbau. Es gelingt dem Kandidaten zudem ein Vergleich der beiden Werke in Bezug auf die Fragestellung ("comparative approach").

Kriterium E - Language - 5 Punkte

5/5 P.

Sprachlich quasi fehlerfrei, guter Stil.

Mit 23 Punkten hat dieser Essay die IB-Note 7 erhalten.
All materials on this website are for the exclusive use of teachers and students at subscribing schools for the period of their subscription. Any unauthorised copying or posting of materials on other websites is an infringement of our copyright and could result in your account being blocked and legal action being taken against you.