BoW: Die "Weiße Rose"

Insgesamt sechs regimekritische Flugblätter verfasste und verbreitete die Münchner Widerstandsgruppe "Die Weiße Rose". Die ersten vier "Flugblätter der Weißen Rose" schrieben und verbreiteten Hans Scholl und Alexander Schmorell zwischen dem 27. Juni und dem 12. Juli 1942. Je 100 Stück schickten sie an Schriftsteller, Professoren, Buchhändler aus München und Umgebung, aber auch an Freunde und Studienkolleginnen und Studienkollegen. Die Zielgruppe war bewusst gewählt. In den Augen Hans Scholls hatte 1933 vor allem die Intelligenz politisch versagt, wie er 1943 nach seiner Festnahme der Gestapo erklärte: "Ich empfand, dass es höchste Zeit war, diesen Teil des Bürgertums auf seine staatspolitischen Pflichten aufs Ernste hinzuweisen." Für ihn und Schmorell war es die Verpflichtung zur Tat: "Leistet passiven Widerstand, wo immer Ihr auch seid!", forderten sie in ihrem ersten Flugblatt. Es sei höchste Zeit, "diese braune Horde auszurotten", heißt es im zweiten. Diese Appelle steigerten sie im dritten Flugblatt in konkrete Handlungsanweisungen für einen Regierungssturz mittels Sabotage in allen Bereichen des öffentlichen und politischen Lebens. Angesichts der Massenmorde an Juden und Polen, die sie im zweiten Blatt anprangerten, verdeutlichten sie die Mitschuld aller Deutschen, die still Unrecht ertrugen, anstatt es zu bekämpfen. "Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen, die Weisse Rose lässt Euch keine Ruhe!", so der Schlusssatz ihres vierten Aufrufs.

Erst zwischen dem 27. und 29. Januar 1943 erschien das fünfte Flugblatt. Zur Kerngruppe der "Weißen Rose" gehörten jetzt auch Christoph Probst und Sophie Scholl, die wohl bereits im Sommer 1942 eingeweiht waren, außerdem Willi Graf und Kurt Huber. Nach der Rückkehr von der Ostfront im Herbst 1942 versuchten Scholl, Schmorell und Graf Kontakte zu anderen Oppositionellen aufzubauen. Mit ihrem fünften Flugblatt wollten sie die breite Masse zum Handeln bewegen: In ihren Augen war eine Invasion vom Westen aus nur noch eine Frage der Zeit. "Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern!" Man müsse sich jetzt vom Nationalsozialismus befreien, denn sonst würden die Deutschen "dasselbe Schicksal erleiden, das den Juden widerfahren ist." Als Zukunftsszenario entwarfen sie ein föderatives Deutschland in einem vereinten Europa.

Während die Freunde tagsüber als unauffällige Studierende lebten, stellten sie nachts in mühsamer Arbeit insgesamt 6000 bis 9000 Abzüge her. Um den Eindruck einer großen Bewegung zu erwecken, verschickten sie das fünfte Flugblatt in sechs süddeutsche und österreichische Städte. Den großen Rest verteilte die Gruppe aber eines Nachts in einer riskanten Aktion in München. Die erhoffte Reaktion blieb jedoch aus. Dann schien sich ein Stimmungswechsel abzuzeichnen: Die offizielle Meldung von der deutschen Niederlage in Stalingrad erschütterte die Bevölkerung in ihrem Glauben an den Endsieg. An der Münchner Universität hatte es zudem erstmals öffentliche Proteste gegeben, als der Gauleiter am 13. Januar 1943 in einer Rede die anwesenden Studentinnen beleidigte. Beide Ereignisse veranlassten die Freunde zum sechsten Flugblatt, mit dem sie gezielt ihre Kommilitoninnen und Kommilitionen mobilisieren wollten. Kurt Huber verfasste den Text und rief darin die Jugend zum Aufstand gegen die Hitler-Diktatur auf. Ein Teil der 800 bis 1200 Flugblätter wurde Mitte Februar per Post verschickt. Den Rest transportierten Sophie und Hans Scholl in einem Koffer und in einer Aktentasche am 18. Februar in die Universität, wo sie die Blätter vor den Hörsälen auslegten. Als Sophie Scholl einen Stapel Blätter vom zweiten Stock in den Lichthof hinabstieß, wurden sie entdeckt und verhaftet. Hans Scholl trug Christoph Probsts Entwurf für ein siebtes Flugblatt bei sich.

(Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung)

Body of Work: Die Flugblätter der "Weißen Rose"
Areas of Exploration - Leitfragen

Wie wird Bedeutung konstruiert, verhandelt, ausgedrückt und interpretiert? (Leser, Verfasser, Texte)

Welche Absicht verfolgt der Verfasser der Flugblätter?

Welche Wirkung soll erzeugt werden?

Wie beeinflussen Struktur/Stil eines Textes seine Bedeutung? (Leser, Verfasser, Texte)

Welche sprachlichen Mittel werden verwendet, um die gewünschte Wirkung zu erzeugen?

Durch welche Argumente wird die Position des Verfassers untermauert?

Wie wichtig ist der kulturelle und historische Kontext für die Produktion und Rezeption eines Textes? (Zeit und Raum)

An wen richten sich die Flugblätter?

Welches Vorwissen braucht ein Leser, um die Flugblätter zu verstehen, damals und heute?

Wie nähern wir uns Texten aus fremden Zeiten oder Kulturen? (Zeit und Raum)

Was ist der Anlass für das Verfassen der Flugblätter?

In welchem Verhältnis steht der Verfasser zum Publikum bzw. zur Leserschaft?

ToK - Leitfragen

1. Inwieweit kann ein Leser einen Text verstehen, der in einem anderen Kontext verfasst wurde als dem eigenen und an ein anderes Publikum gerichtet war?

2. Ist es für das Textverständnis hinderlich, wenn ein Leser und Autor nicht die gleiche Weltsicht haben?

Concepts - Leitfragen

1. Auf welche Weise und mit welchen sprachlichen Mitteln versucht die "Weiße Rose" ihre Leser zu erreichen? (communication)

2. Inwieweit beeinflusst der Blickwinkel des heutigen Lesers das Verständnis der Flugblätter? (perspective)

2. Mit welchen Werten und Einstellungen wird der Leser durch die Flugblätter konfrontiert? (culture)

Flugblatt Nr. 6

Kommilitoninnen! Kommilitonen!

Erschüttert steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad. Dreihundertdreißigtausend deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt. Führer, wir danken dir! Es gärt im deutschen Volk: Wollen wir weiter einem Dilettanten das Schicksal unserer Armeen anvertrauen? Wollen wir den niedrigsten Machtinstinkten einer Parteiclique den Rest unserer deutschen Jugend opfern? Nimmermehr!

Der Tag der Abrechnung ist gekommen, der Abrechnung der deutschen Jugend mit der verabscheuungswürdigsten Tyrannis, die unser Volk je erduldet hat. Im Namen der ganzen deutschen Jugend fordern wir vom Staat Adolf Hitlers die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut der Deutschen zurück, um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen hat.

In einem Staat rücksichtsloser Knebelung jeder freien Meinungsäußerung sind wir aufgewachsen. HJ, SA und SS haben uns in den fruchtbarsten Bildungsjahren unseres Lebens zu uniformieren, zu revolutionieren, zu narkotisieren versucht. "Weltanschauliche Schulung" hieß die verächtliche Methode, das aufkeimende Selbstdenken und Selbstwerten in einem Nebel leerer Phrasen zu ersticken. Eine Führerauslese, wie sie teuflischer und zugleich bornierter nicht gedacht werden kann, zieht ihre künftigen Parteibonzen auf Ordensburgen zu gottlosen, schamlosen und gewissenlosen Ausbeutern und Mordbuben heran, zur blinden, stupiden Führergefolgschaft.

Wir "Arbeiter des Geistes" wären gerade recht, dieser neuen Herrenschicht den Knüppel zu machen. Frontkämpfer werden von Studentenführern und Gauleiteraspiranten wie Schulbuben gemaßregelt, Gauleiter greifen mit geilen Späßen den Studentinnen an die Ehre. Deutsche Studentinnen haben an der Münchner Hochschule auf die Besudelung ihrer Ehre eine würdige Antwort gegeben, deutsche Studenten haben sich für ihre Kameradinnen eingesetzt und standgehalten. Das ist ein Anfang zur Erkämpfung unserer freien Selbstbestimmung, ohne die geistige Werte nicht geschaffen werden können. Unser Dank gilt den tapferen Kameradinnen und Kameraden, die mit leuchtendem Beispiel vorangegangen sind!

Es gibt für uns nur eine Parole: Kampf gegen die Partei! Heraus aus den Parteigliederungen, in denen man uns politisch weiter mundtot halten will! Heraus aus den Hörsälen der SS-Unter- und -Oberführer und Parteikriecher! Es geht uns um wahre Wissenschaft und echte Geistesfreiheit! Kein Drohmittel kann uns schrecken, auch nicht die Schließung unserer Hochschulen. Es gilt den Kampf jedes einzelnen von uns um unsere Zukunft, unsere Freiheit und Ehre in einem seiner sittlichen Verantwortung bewußten Staatswesen.

Freiheit und Ehre! Zehn lange Jahre haben Hitler und seine Genossen die beiden herrlichen deutschen Worte bis zum Ekel ausgequetscht, abgedroschen, verdreht, wie es nur Dilettanten vermögen, die die höchsten Werte einer Nation vor die Säue werfen. Was ihnen Freiheit und Ehre gilt, das haben sie in zehn Jahren der Zerstörung aller materiellen und geistigen Freiheit, aller sittlichen Substanz im deutschen Volk genugsam gezeigt. Auch dem dümmsten Deutschen hat das furchtbare Blutbad die Augen geöffnet, das sie im Namen von Freiheit und Ehre der deutschen Nation in ganz Europa angerichtet haben und täglich neu anrichten. Der deutsche Name bleibt für immer geschändet, wenn nicht die deutsche Jugend endlich aufsteht, rächt und sühnt zugleich, ihre Peiniger zerschmettert und ein neues geistiges Europa aufrichtet.

Studentinnen! Studenten! Auf uns sieht das deutsche Volk! Von uns erwartet es, wie 1813 die Brechung des Napoleonischen, so 1943 die Brechung des nationalsozialistischen Terrors aus der Macht des Geistes. Beresina und Stalingrad flammen im Osten auf, die Toten von Stalingrad beschwören uns!

"Frisch auf mein Volk, die Flammenzeichen rauchen!"

Unser Volk steht im Aufbruch gegen die Verknechtung Europas durch den Nationalsozialismus, im neuen gläubigen Durchbruch von Freiheit und Ehre!

Flugblätter der Weißen Rose
Weiße Rose (Arbeitsblatt)
Global Issues - Globale Themen

Je nach Blickwinkel und Verknüpfung mit bestimmten literarischen Werken lassen sich diverse global issues herausarbeiten: Widerstand, Unterdrückung, Gewaltherrschaft, Propaganda, Revolution etc.

Assessment - Prüfungen

Für das Individual Oral können die Flugblätter der "Weißen Rose" mit sehr vielen literarischen Werken kombiniert werden, zum Beispiel mit "Antigone" (Sophokles oder Anouilh), in denen Widerstand gegen eine Staatsgewalt eine wichtige Rolle spielt. Werke, die den Nationalsozialismus zum Thema haben bieten sich grundsätzlich an, wie zum Beispiel "Jabob der Lügner" von Jurek Becker. Wichtig ist, dass die Schüler im Rahmen des allgemeinen, übergeordneten global issue eine konkrete und auf ihre Texte bezogene Fragestellung entwickeln, um in der mündlichen Prüfung den notwendigen Fokus zu haben.

Auch für den HL Essay könnten die Flugblätter analysiert werden. Es besteht ebenfalls die Möglichkeit, dass Schüler individuell in ihrem Portfolio eigene bodies of work zu einer Flugblatt-Aktion entwickeln. Um von einem body of work sprechen zu können, braucht der Schüler ein Minimum von 5 Flugblättern von ein- und demselben Verfasser.

Flugblätter als Propagandaform

Was ist ein Flugblatt?

Welche Funktion hat ein Flugblatt?

Welche sprachlichen Besonderheiten weisen Flugblätter auf?

Gerade auch in politischen Debatten kommen Flugblätter gerne zum Einsatz. Auf diese Weise lassen sich sehr gut aktuelle Themen im Unterricht aufgreifen und als body of work für die mündliche Prüfung oder den HL Essay aufbereiten.

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