Paper 1 "to go"

Der folgende Text wurde von Bernd Graff für die Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung verfasst. Er stammt aus dem Jahre 2007, ist aber nach wie vor sehr aktuell. Er wurde im Jahr 2016 bereits im Rahmen einer Abiturprüfung im Fach Deutsch verwendet. Ich habe den Originalartikel allerdings redigiert und deutlich gekürzt, um diesen auf ein Paper 1-Format zu bringen. Wenn Sie Ihre Schüler unter Examensbedingungen schreiben lassen möchten, sollte der Text vorher nicht im Unterricht besprochen werden und Schüler sollten den Zeitrahmen von 75 Minuten nicht überschreiten. 

Ich möchte bei dieser Gelegenheit daran erinnern, dass Sie diesen Text auch via " student access" mit Ihrer Klasse teilen können und im "task manager" die Analyse als Hausaufgabe geben können. Sollten Sie bei der Benotung der geschriebenen Analysen Ihrer Schüler unsicher sein, gebe ich dazu auch gerne ein Feedback bzw. eine Einschätzung. 

Die neuen Idiotae
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Das Internet verkommt zu einem Debattierklub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten. Ein Plädoyer für eine Wissensgesellschaft mit Verantwortung.

Von Bernd Graff

Seit fast einem halben Jahrzehnt gibt es das "partizipative Web". Das klingt nach Leistungskurs, meint aber neue Formen der Beteiligung und der Berichterstattung im Internet. Diese Formen werden von engagierten Zeitgenossen genutzt, weil sie - sei es aus Idealismus, sei es, weil sie sonst keine Beschäftigung haben - eine Rolle in der allgemeinen Informationsbildung übernehmen wollen. Man spricht auch schon von "Bürger-Reportern" und "Graswurzeljournalisten".

Schlaue Menschen werden darauf hinweisen, dass das Internet immer schon ein Beteiligungsnetz war, und dass die Ansätze zu dieser Berichterstattung wesentlich älter sind als fünf Jahre. Leider nun sind jene Schlauen, die wir aus unserem gut gewärmten Mainstreammedia-Bett heraus und hinein in ihr debattenknisterndes Web grüßen genau das Problem. Sie zerfleddern - wie es gerne auch wir Zeitungsmenschen tun - jedes Thema. Sie tun dies aber oft anonym und noch öfter von keiner Sachkenntnis getrübt. Sie zetteln Debattenquickies an, pöbeln nach Gutsherrenart und rauschen dann zeternd weiter. Sie erschaffen wenig und machen vieles runter. Diese Diskutanten des Netzes sind der Diskurstod, getrieben von der Lust an Entrüstung.

Haben wir Entrüstung gesagt? Setzen Sie dafür bitte beliebig ein: Sabotage, Verschwörung, Häme, Denunziation, Verächtlichmachung, Hohn, Spott. Ja, wir müssen uns die Kräfte des freien Meinungsmarktes als äußerst destruktiv vorstellen.

Nun könnte man sagen: diese Inquisitoren in eigener Sache, das sind halt Querulanten und Leute mit seltsamen Präferenzen. Freizeitaktivisten mit ein bisschen Schaum vor dem Mund. Die gibt es eben. Das könnte man so sehen. Man sollte es aber nicht.

Der Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz spricht sogar "sozialpsychologisch" von einer "großen Befreiung". Bolz hat dem Spiegel ein Interview gegeben. Man möchte sich beim Lesen dieses Interviews mit dem Mauskabel strangulieren: "Die einfache Orientierung an klassischen Autoritäten bricht zusammen. Man nimmt Politikern ihr Besser-Wissen nicht länger ab." Da wird man fast wieder zum Fan von Eliten und auf jeden Fall zum Lobsänger der Differenz zwischen verantwortetem und - im mehrfachen Sinne des Wortes - verantwortungslosem Wissen.

Larry Sanger, der Mitgründer der Web-Enzyklopädie Wikipedia, geißelt frustriert die gewollt "anti-elitäre Haltung" der Wikipedianer: "Als eine Gemeinschaft, die sich nicht als elitär begreift, ist sie sogar ausdrücklich anti-elitär - was hier bedeutet, das man den Experten gar keinen Respekt zollt und unflätige Beschimpfung ausdrücklich toleriert." Prätentiöse Mittelmäßigkeit regiere das Projekt, getragen "von Leuten, die nicht kooperieren könnten und - noch schlimmer - nicht einmal kapierten, dass ihnen das Wissen fehlt."

Zugegeben: Klage darüber zu führen, dass Internet und Beliebigkeit siamesische Zwillinge sind, ist so sinnvoll, wie gegen den Wind zu pusten. Denn das Internet gibt es nicht - es ist alles, es ist nichts. Und, ja, es gibt hervorragende Expertenzirkel und phantastische Communities mit hoher Sachkenntnis. Niemand bestreitet den Wert, den die zum Weltarchiv gewordene Video-Abspielplattform Youtube bereits jetzt hat. Und, ja, es gibt diese schöne Open-Source-Bewegung, die so wunderbare Dinge wie Linux über uns gebracht hat. Hier werden Werte geschaffen. Kein Mensch würde das ernsthaft in Zweifel ziehen. Genausowenig wie die Tatsache, dass in Wikipedia viel brauchbares Wissen zu finden ist, wie gerade wieder eine vom Stern in Auftrag gegebene Studie belegt.

Warum aber sollten Menschen, die lediglich neue technische Möglichkeiten nutzen, etwa um ihre Poesie-Alben zu veröffentlichen oder um ihrer Trauer über kaputte Computer Ausdruck zu verleihen, warum sollten diese Menschen Produktionsbedingungen für Medien diktieren und Meinungsführerschaft beanspruchen?

Von einem "Kult der Amateure" spricht Nicholas Carr. Der Journalist hat versucht, die Professionalität gegen die Me-Volution zu verteidigen. Obwohl etablierte Formen der Informationsbildung, zum Beispiel aus Tageszeitungen und Magazinen, als "Mainstream Media" verspottet werden (sie gelten als korrumpiert, hierarchisch, hirngewaschen, langsam und überaltert), obwohl der Schwarmgeist also triumphieren möchte, darf erinnert werden: Es macht immer noch den Unterschied, wer etwas sagt. Und wo er es tut. "Die Mainstream-Medien", schreibt Nicholas Carr, "können Dinge tun, die anders sind als die Dinge, die Blogs tun können - und, ja, sie sind auch bedeutender."

Die etablierten Medien verfügen über rigide Aufnahmeverfahren und praktizieren bei journalistischem Fehlverhalten im besten Fall Sanktionierungen. Es darf also eben nicht jeder überall mitschreiben - und der, der schreibt, macht dies nie unbeobachtet und zum Beispiel auf der freien und anonymen Wildbahn der Wikipedia, die so einfach anzuklicken ist und wohl auch deshalb vor Fehlern strotzt. Was aber wiegt dann mehr? Dass das immer elitäre Denken der Mainstream-Medien im Zweifel undemokratisch ist? Oder, dass daraus Qualität entsteht?

"Die Menschen", schreibt Norbert Bolz, "werden immer mehr zu - wie man im Mittelalter sagte - idiotae: also zu eigensinnig Wissenden. Die neuen Idiotae lassen sich ihr Wissen, ihre Interessen und Leidenschaften nicht mehr ausreden." Mag sein. Verlangt ja auch keiner. Aber sollen wir uns deshalb von jeder Idiotie in die Zukunft führen lassen?

© SZ vom 08.12.2007

Leitfrage
Was und wen kritisiert der Autor und mit welchen sprachlichen und formalen Mitteln versucht er, den Leser von seiner Sichtweise zu überzeugen?
Analysetipps 

Wer und was?

Allgemein geht es in dem Artikel um neue Formen der Beteiligung und Berichterstattung im Internet. Es werden die neuen, partizipativen Formen den etablierten Formen der Informationsbildung gegenübergestellt. 

Den neuen Formen der Informationsbildung stellt der Autor bereits im ersten Absatz ein schlechtes Zeugnis aus: Er spricht abschätzig von "Bürger-Reportern" und "Graswurzeljournalisten". Diese handelten "anonym und ohne Sachkenntnis", so der Autor gleich im zweiten Absatz. 

Neben mangelnder Sachkenntnis kritisiert der Autor die mentale Haltung der "Graswurzeljournalisten", die durch "Hohn und Spott" geprägt sei. Auch die Themen an sich werden kritisiert: Es geht laut Bernd Graff zum Beispiel um "Poesiealben" und "kaputte Computer", also um rein private Probleme und deren Preisgabe im Netz.

Als etablierte Formen der Informationsbildung ("Mainstream-Medien") werden in dem Artikel Tageszeitungen und Magazine genannt. Diese werden als "bedeutender", also wichtiger und seriöser, dargestellt. Als Gründe hierfür nennt der Autor zum Beispiel die "rigiden Aufnahmeverfahren" und "Sanktionen bei journalistischem Fehlverhalten". Der Journalist steht letztlich unter Beobachtung und muss für seine Berichterstattung Verantwortung übernehmen.

Hauptvorwurf des Autors: Mangelnde Qualität im partizipativen Netz.

Wie?

Bereits im Teaser des Artikels wird gesagt, dass es sich um ein "Plädoyer" handelt, also um einen Text, der einen Appel an den Leser richtet und diesen von einer bestimmten Sichtweise überzeugen will.

Struktur/Aufbau: Der Autor arbeitet durchgehend mit dem Stilmittel des Kontrasts bzw. der Gegenüberstellung. Auf der einen Seite gibt es die durch keine Sachkenntnis getrübten "Graswurzeljournalisten", auf der anderen Seite gibt es den unter Beobachtung stehenden Journalisten der Qualitätsmedien. Durch die durchgehende Kontrastierung gelingt es dem Autor, die Schwächen der "Bürger-Reporter" besonders hervorzuheben.

Wortwahl: Die sprachliche Darstellung dieser "anti-elitären Gemeinschaft von Bürger-Reportern" ist durchgehend negativ. Sie werden unter anderem als pöbelnd, destruktiv und respektlos beschrieben. Deren "Schwarmgeist" soll nicht dominieren.

Argumentation: Der Autor bezieht sich zur Stützung seiner Sichtweise zum einen auf den Wikipedia-Begründer Larry Sanger, der von Menschen spricht, "die nicht einmal kapieren, dass ihnen das Wissen fehlt". Zum anderen zitiert Graff den Journalisten Nicholas Carr, der von einem "Kult der Amateure" spricht. Der Artikel endet mit einer rhetorischen Frage, die der Leser im Sinne des Autors mit "Nein" beantworten soll. Nein, wir wollen den "Kult der Amateure" nicht hinnehmen. 

Da der Autor der Plattform "Wikipedia" immerhin zugesteht, dass sie auch einen gewissen Nutzen hat (die Stern-Studie wird genannt) und auch Youtube und der "Open-Source-Bewegung" ein positives Zeugnis ausstellt, wirken seine Aussagen abgewogen und reflektiert, da sie nicht komplett einseitig sind. Es handelt sich bei dem Autor nicht einfach um einen "blinden" Gegner neuer Formen von Informationsbildung, sondern um jemanden, der sich einen verantwortungsvollen Umgang mit der Verbreitung von Informationen im Netz wünscht.

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