Herz der Finsternis (Conrad)

Ein Beitrag von Stephan Klausch

Der Leser schließt die Augen, vernimmt den Titel „Herz der Finsternis“ und vergegenwärtigt sich zwei Farben: die nur implizit genannte Farbe des Herzens, rot, und die negativ konnotierte Farbe der Finsternis, schwarz. Darüber hinaus denkt er beim Kongo des 19. Jahrhunderts an das Grün des Urwaldes und an die Farbe Weiß, weiß wie die letzten verbliebenen weißen Flecken der Weltkarte.

So metaphorisiert beginnt das Lesen von Conrads 1899 erschienenem Werk, und so dauert es an. Viele Male trifft der Leser auf Formen der Titelmetapher in dieser nur kurzen Erzählung von knapp 130 Seiten, jedoch weiten sich die Interpretationsmöglichkeiten mit zunehmendem Handlungsverlauf, sie mäandern wie der zum Schauplatz dienende Fluss des Kongos in der Mitte, im Herzen, Afrikas.

Joseph Conrads Erzählung trennt eine Rahmenhandlung, deren Schauplatz die kleine Mannschaft einer Segelyacht ist, auf der einer der Seemänner, Marlow, beginnt, die Geschichte seiner Reise in den Kongo zu erzählen, von der Binnenhandlung und dem eigentlichen Hauptteil der Erzählung.

Die Binnenhandlung selbst übt einen Sog aus, da sie vermeintliche Regeln der Erzählkunst missachtet. Conrads Buch besticht durch die Leerstellen, all die Figuren, die er nicht charakterisiert, Handlungsstränge, die er nicht fortführt, Orte, die er nur andeutet. Letztlich fokussiert sich alles auf die Suche Marlows nach dem im Urwald des Kongos zurückgezogenen Oberst Kurtz. Eben jener, Ziel- und Kulminationspunkt der Reise, Ursache der titelgebenden Metapher, bleibt die schemenhafteste aller Figuren. Wir lernen ihn nur aus zweiter Hand kennen, begegnen ihm nur am Ende der langen Reise auf wenigen Seiten. Dies bindet nicht nur den Leser. Conrads Aussparungen machen erst die Abgründe der Kolonisation offenbar. Die Intentionen der Europäer sind ebenso finster wie die Umgebung, die sie ausbeuten. Conrad schafft es auf wenigen Seiten mit einer stringenten Metapher die Entzivilisierung der vermeintlich zivilisierten Kolonialherren darzustellen, beispielhaft, zeitlos, abschreckend. Auf einer abstrakten Ebene steht Kurtz´ Verhalten stellvertretend für überall in allen Zeiten und führt unweigerlich auch zur Selbstbespiegelung des Lesers.

Hier geht es zu der kompletten Unterrichtseinheit inklusive BoW zum "Herz der Finsternis" und dem Thema Rassismus.

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