WT 1 Tipps

Der kreative Ansatz für Written Task 1 kann einige Stolpersteine mit sich bringen. Die Freiheit, die den Schülern beim Schreiben gegeben wird, mündet nicht selten darin, dass das Wesen des WT1 nicht voll erfasst wird. Schüler sollen stilistisch, sprachlich und formal einen bestimmten Texttyp imitieren. Es ist nicht immer leicht, die hier geforderte Authenzität zu erreichen. Zudem muss der gewählte Texttyp im Rahmen des Tasks Sinn machen und inhaltlich ein klares Verständnis des Primärtextes zeigen. Nachfolgend werden die häufigsten Fehler beim Verfassen des WT1 aufgelistet, sowie Tipps, wie diese zu vermeiden sind. 

Häufige Fehler

♦ WT1 soll kein Essay sein. Leider klingen viele Zeitungskolumnen oder Internet-Tagebücher (Blogs) am Ende dann doch wie ein Schulaufsatz.

♦ Der Kontext des verfassten Tasks ist nicht klar. Worauf bezieht es sich? An wen ist es gerichtet? Inwiefern passt der Texttyp?

♦ Das Task schwebt im freien Raum. Damit ist gemeint, dass nicht klar wird, inwiefern es sich konkret auf ein im Unterricht besprochenes Thema und auch einen Text bezieht. Wenn zum Beispiel ein Schüler einfach eine Informationsbroschüre über Bulimie und deren Folgen verfasst, reflektiert das noch keine Beschäftigung mit dem Unterrichtsthema "Schönheitsideale in der Werbung".

Falsch

Der im IB Guide verwendete Begriff "creative" wird oft missverstanden. Es geht nicht darum, der Phantasie ungezügelten Lauf zu lassen und zum Beispiel eine Kurzgeschichte frei zu erfinden. WT1 ist nicht das Spielfeld völlig freier Imagination, sondern es nimmt immer Bezug auf eine primäre Textquelle. Wenn ein Schüler beispielsweise ein neues Ende zu einem Roman oder eine zusätzliche Szene in einem Drama verfasst, muss dies im Rahmen des vorgegebenen Textes stehen, stilistische und sprachliche Merkmale des Autors müssen aufgegriffen werden.

Richtig

Der Begriff "creative" bedeutet, dass bezugnehmend auf einen Primärtext aus einem der vier Kursteile ein bestimmter Texttyp verfasst wird. Jeder Texttyp, ob Rede oder Interview, folgt bestimmten Konventionen, besitzt also bestimmte formale und sprachliche Merkmale. Der Schüler soll zeigen, dass er diese Konventionen verstanden hat und in einem selbst geschriebenen Text umsetzen kann. Wenn zum Beispiel eine Rede geschrieben wird, sollte der Appellcharakter dieses Texttyps anhand stilistischer Mittel deutlich zu Tage treten.

Falsch

Kontext- und Textbezogenheit sind das A und O für WT1. Es genügt nicht im Rationale zu schreiben: "Ich schreibe einen Meinungssartikel über Werbung." Hier bleiben alle wichtigen Fragen offen: Um welche Werbekampagne handelt es sich konkret? Diese muss zusammen mit dem eigentlichen Task beim IB eingereicht werden. In welcher Zeitung soll der Artikel erscheinen? An welche Leserschaft richtet er sich? Was ist seine Intention?

Richtig

Das Task muss in einem konkreten Kontext stehen und einen Textbezug haben. Ein Bild gilt als visueller Text. Wenn ein Schüler einen Meinungsartikel, also einen journalistischen Texttyp, über eine Werbekampagne verfassen möchte, sollte zunächst eine ganz bestimmte Kampagne ausgesucht werden. Gleichzeitig sollte eventuell ein Kolumnist der deutschen Medien ausgesucht und dessen mögliche Meinung zu der Kampagne stilsicher verfasst werden.

Falsch

Im WT 1 sollen Schüler nicht ihre persönliche Meinung zu einem Thema bzw. Text kundtun. Alles spielt sich im Rahmen des gewählten Texttyps und dessen fiktiven Autors ab. Ebenfalls sollte ein Text nicht einfach nacherzählt werden. Es spricht nichts gegen eine Rezension (als Texttyp) zu einem in Teil 3 oder 4 gelesenen Roman (als Textgrundlage), aber es muss ein analytischer Ansatz zu sehen sein.

Richtig

WT 1 soll zeigen, dass ein Schüler mit einem konkreten Text kreativ und zugleich analytisch umgehen kann. Wenn zum Beispiel eine Romanfigur einer anderen Romanfigur einen Brief schreibt, dann muss aus diesem Brief deutlich hervorgehen, dass das zu Grunde liegende Werk in seiner Aussage verstanden wurde.

Die richtigen Zutaten

Es gibt kein einfaches Rezept für das Verfassen des perfekten Tasks. Allerdings können die häufigsten Fallen umgangen werden, wenn die folgenden "Zutaten" berücksichtigt werden.

1. Texttyp

Wenn als Texttyp zum Beispiel eine Rede verfasst wird, dann muss diese Rede wie eine Rede klingen und aussehen. Sie muss stilistisch, sprachlich und formal die Kriterien einer Rede erfüllen. Wenn ein Leserbrief geschrieben wird, dann muss dieser ebenfalls wie ein realistischer Brief an eine Zeitung oder eine Zeitschrift klingen und sich auf einen veröffentlichten Artikel beziehen. Jeder Texttyp folgt seinen eigenen Regeln bzw. Konventionen und der Schüler muss zeigen, dass er diese Regeln verstanden hat und sie beim Schreiben erfolgreich umsetzen kann. Es ist daher wichtig, dass im Unterricht verschiedene Texttypen genau besprochen werden und die typischen Merkmale für jeden Texttyp herausgearbeitet werden. Es ist sehr hilfreich, wenn die Schüler in Form einer im Kurs erarbeiteten Tabelle auf diese texttypischen Merkmale beim Schreiben des Tasks zurückgreifen können.

2. Primärquelle

Das Task muss sich immer und grundsätzlich auf einen Text beziehen. Das kann ein in Teil 3 oder 4 behandelter literarischer Text sein (Roman, Drama, Gedicht). Für Teil 1 oder 2 kann es ein Zeitungsartikel, eine Werbung, eine Karikatur, eine Rede oder ein anderer nicht-fiktiver Text sein. Wenn zum Beispiel im Language-Teil des Kurses das Thema "Frauen in der Werbung" besprochen wurde, dann muss das Written Task sich auf einen Text zu diesem Thema, zum Beispiel eine konkrete Werbekampagne, beziehen.

3. Sekundärliteratur

Der Schüler muss im Rahmen des gewählten Texttyps sein Verständnis der Primärquelle demonstrieren. Jeder Meinungsartikel (opinion column) zum Beispiel informiert den Leser auch in hohem Maße, ein gelungener Leserbrief basiert ebenfalls auf fundiertem Wissen zu einem Thema. Mit dem Task soll dem Prüfer gezeigt werden, dass der Schüler sich Wissen zu einem Thema oder einem literarischen Werk angeeignet hat. Bereits im Rationale muss dieser auf Wissen bezogene Ansatz deutlich gemacht werden. Schüler sollten also Sekundärliteratur nutzen, um ein besseres Verständnis ihres Themas zu erlangen. Diese Sekundärliteratur wird in der Bibliographie angegeben.

WT1 - Erster Versuch

Nachstehend finden Sie den Schreibentwurf eines Schülers für ein WT1, der in der vorliegenden Form keine gute Bewertung bekommen würde. Lesen Sie den Entwurf zunächst durch (das bietet sich auch als Aktivität im Unterricht an) und beantworten Sie die untenstehenden drei Fragen, bevor Sie sich ganz zum Schluss das Feedback ansehen.

1. In welche Falle ist der Schüler getreten?

2. Wie könnten die drei genannten Zutaten genutzt werden, um den Schüler in die richtige Richtung und auf den Weg zu einem gelungenen Task zu lenken?

3. Werden die für den Texttyp "Meinungsartikel" bzw. "journalistischer Kommentar" erforderlichen Konventionen eingehalten?

Meinungsartikel zum Thema: Die Vorteile von Übergewicht

"Willst Du nicht auch irgendwann mal Deinen Speck loswerden?" Diese Frage wurde mir ungefähr einmal pro Woche gestellt. Und ich antwortete dann im freundlichsten Ton: "Nein." Die Blicke, die ich dann zurückbekam, sagten soviel wie: "OK, Du musst verrückt sein." Und genau so ist es. Es gibt so viele Vorteile, dick zu sein. Fangen wir beim Einkaufen an. Ausverkauf. Der gefällt mir am besten, denn es ist so praktisch, wenn man Übergewicht hat. Weil nämlich 70 Prozent aller Frauen schlank genug sind, um in die gängigen Größen zu passen. Übrig bleiben dann die Übergrößen, wie nett. Da stand ich also am H&M-Wühltisch - und nur große Größen. Wie ein Kind im Spielzeugladen nahm ich das, was mir gefiel und machte mich auf den Weg zu den Umkleidekabinen. Dort war es ziemlich voll, sodass ich ein paar Minuten warten musste. Kein Problem. Ich sah ein dünnes Mädchen aus einer der Kabinen kommen. Ich sah, wie sie sich im Spiegel betrachtete. Ihre Freundin, die daneben stand, sagte, dass sie in dem Kleid gut aussehe. "Sehe ich nicht fett aus?", fragte das Mädchen. "Nein, nein.", versicherte die Freundin. Ich musste lachen, solche Probleme hatte ich nie. Ich habe akzeptiert, dass ich dick bin. Nachdem die Mädchen gegangen waren, ging ich in die Kabine und zog das erste Kleid an. Wunderbar! Ich schaute nochmal in den Spiegel, drehte mich hin- und her und lächelte. Einkaufen ist super. Nach einer halben Stunde war ich fertig und ging mit insgesamt zehn Kleidern zur Kasse. Nur 100 Euro für zehn Kleider. Ich lief zur Bushaltestelle und bekam gerade noch den Bus. Es gab noch einen Platz, ein Sitz für zwei Leute, genau passend für mich. Während der ganzen Fahrt kam niemand auf die Idee, sich neben mich zu setzen. Wahrscheinlich glaubten alle, dass neben mir ohnehin nicht mehr genug Platz war. Das Leben ist großartig, und wie Du siehst, dick sein auch.

Feedback

Das erste Problem ist, dass aus dem Text überhaupt nicht hervorgeht, worauf er sich bezieht. Man weiß nicht, welcher Kursinhalt, welches Thema und welcher Primärtext dem Geschriebenen zu Grunde liegt. Wenn im Unterricht zum Beispiel das Thema "Schönheitsideale in der Werbung" behandelt wurde, muss das deutlich werden. Es fehlen auch belegte "harte Fakten". Woher kommen die 70 Prozent? Sind dicke Leute wirklich aus den angegebenen Gründen mit sich zufrieden? Womit ist die These zu belegen?

Dieser Text würde so nicht als Meinungsartikel in einer Zeitung oder Zeitschrift veröffentlicht werden, da er nicht die Konventionen dieses Texttyps erfüllt. Es fehlen überzeugende Informationen, die das Argument stützen und einen gewissen Nachrichtenwert haben.

In diesem Fall sollte der Schüler nochmal ganz von vorne anfangen. Es muss ein Primärtext gefunden werden. Zum Beispiel würde sich eine Werbekampagne übergewichtiger Modelle anbieten.

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